Vorsicht Bildschirm!

Manchmal ändert sich im gesellschaftlichen Gleichgewicht (oder Ungleichgewicht) ganz subtil eine Einsicht. So galt es durch Jahrzehnte als sicher, dass nur in Waldorfkreisen vor dem Fernsehkonsum gewarnt wurde. Es führte zu skurrilen Meinungen wie diese, wer seine Kinder an der Waldorfschule hat, 'darf' nicht fernsehen u.d. In ihrem Eifer 'wussten' viele wie schlimm das für Leib und Seele wäre.
Natürlich gab es mehr, die um die Folgen übermässigen Fernsehkonsums wussten, aber deren Stimmen wirkten nicht nachhaltig auf die öffentliche Meinung.
Es könnte sein, dass sich das ändert. Schon seit Jahren gibt es für die, die es wissen wollen eine erdrückende wissenschaftliche Faktenlage. Diese war aber nicht leicht zugänglich.
Nun hat ein im deutschen Sprachraum bekannter Hirnforscher, Manfred Spitzer, der in seiner 7-köpfigen Familie tatsächlich keinen Fernseher hat, sich dem Thema über die Wirkungen vom Bildschirm gewidmet. Das Buch 'Vorsicht Bildschirm' hat einen doppelt weckenden Charakter. Zum ersten ist es sehr informativ (z.B.: durch die Zulassung der kommerziellen Sender im Jahre 1984 ist der Fernsehkonsum erst richtig in die Höhe geschnellt; 1990 gab es im Jahr 300'000 Werbespots, zehn Jahre später jährlich bereits 2'400'000 (!)) und zum zweiten gibt das Buch sehr gediegene Informationen über die Wirkung auf den Menschen im Allgemeinen, aber vorallem im Besonderen auf die Jugendlichen.
Die Wirkungen auf die körperliche Gesundheit und die Risiken der Spätwirkungen werden eindringlich dargestellt (Der Risikofaktor Cholesterin, die Bewegungsarmut, das Auftreten der Alters-Diabetes bei Kindern, Körpergewichtsprobleme) wie auch die seelischen Wirkungen im Bereich der normalen Erfahrungen und der Aufmerksamkeit.
Es wird ein Blick geworfen auf den Zusammenhang von Fernsehkonsum und schulischer Leistung und vielem mehr. Ganz stark aber ist dieses Buch in einem Bereich. Anhand der genauen Beobachtung der Ausschüttung des Botenstoffes Dopamin bei der Betätigung im Videospiel wird die Annahme verworfen, die Spiele würden nicht auf das seelische Gefüge wirken. Das Gegenteil ist wahr: das Dopamin ist nicht nur der 'Stoff der glücklich macht', sondern vorallem der Stoff, der das Lernen einem gewaltigen Schub gibt, z.B. wie man 'effizient' und 'behend' tötet. Diese Lernleistung bleibt. Die Frage ist, wie lange die Lernleistung nur für das 'Spiel' reserviert bleibt. Das Thema der Gewaltbereitschaft, das mag nach dieser Lektüre deutlich sein, ist verknüpft mit Fernseh- und Videospielkonsum. Das ist wissenschaftlich als gesichert zu betrachten. (Übrigens hatte Dave Grossman in seinem Buch 'Wer hat unseren Kindern das Töten beigebracht?', das in der deutschen Übersetzung von Bruno Sandkühler vorliegt, schon darauf hingewiesen.)
Zum Schluss charakterisiert Spitzer die Bildschirmmedien als eine Form der Umweltverschmutzung. Er beendet dieses Buch mit eindeutigen Ratschlägen für Eltern wie auch für jeden Menschen. Kein schreierisches Buch, aber mit Mut geschrieben für diejenigen Zeitgenossen, die etwas von der Welt, in der wir auch leben, verstehen wollen.
Zumindest das kann man den 'Waldorfeltern' lassen: sie haben frühzeitig richtig gesehen.
Christof Wiechert
Leiter der Pädagogischen Sektion am Goetheanum/Dornach
"Vorsicht Bildschirm!"
Manfred Spitzer
Ernst Klett Verlag, Stuttgart, 2005



