Waldorfpädagogik und staatliche Schule

Eine Lehrerin liebt die Kinder, ist ganz eingelebt im staatlichen System der Transparenz der Handlungen; sowohl im Befolgen der Vorschriften wie auch im Gehorsam gegenüber der Schulleiterin und in der völligen Offenlegung ihrer Arbeit gegenüber den Eltern. Das ist einer System-Umgebung, die eher Kälte ausstrahlt, wo das Wärmeelement ganz und gar abhängt von den Menschen, die für die Kinder und nicht für das System dasein wollen. Gegen diesen Hintergrund haben die Erziehungsbehörden in Bremen sich entschlossen, ein Projekt zum Thema 'Waldorfelemente in der Staatsschule' zu fördern. An drei Grundschulen dürfen drei Lehrerinnen 'Elemente' der Erziehungskunst einbeziehen. Man entscheidet sich für den Hauptunterricht (in den Berichten 'Blockunterricht' genannt), für den rhythmischen Teil, für Formenzeichnen und Musikunterricht. Also eher bescheidene Elemente. Aber die Wirkungen bei den Kindern sind gross und die gegenseitige Freude der Belebung auch.

Mit kargen Worten wird beschrieben wie schon diese wenigen Massnahmen die Kinder zum 'Atmen' bringen, wie das soziale Klima sich ändert, wie die Geschicklichkeit, die Aufmerksamkeit und Wertschätzung füreinander zunehmen, wie die Kinder in anderen Klassen etwas aufführen, wie das gerne entgegen genommen wird mit der Äusserung: „Die tun immer was Originelles.“ Und in nüchternen Worten wird dargestellt, dass Lehrbücher und Zensuren auf Bitte der Eltern erhalten bleiben; sie haben Angst, die Unterrichtsziele könnten nicht erreicht werden.

Die drei Lehrerinnen reflektierten ihre Arbeit in Inter- und Supervisionsgesprächen. In den Berichten findet man Sätze wie diesen: „Nach Abschluss des Jahres 1999/2000 stellte ich fest, dass der Leistungsstand der Schülerinnen und Schüler im Rechenunterricht meinen Anforderungen nicht gerecht wurde, d.h. Ich hatte Sorge, dass am Ende der 4. Klasse Defizite auftreten würden. Dieses Thema habe ich mit den Eltern auf einem Elternabend besprochen und für das 4. Schuljahr ein Übungsheft zur täglichen häuslichen Übung angeschafft, was sich als sehr hilfreich erwies.“ (Hervorhebung Christof Wiechert) Hier ist jemand, der sich selbst und seine Aufgaben wahrnehmen kann; es macht einen starken Eindruck: hier manifestiert sich Bewusstsein. Oder ein Satz wie dieser: „Um die neu eingeführte 'verlässliche Grundschule' zu unterstützen und Vertretungsunterricht zu erleichtern, führte die Schulleiterin Fachunterricht bereits ab dem 1. Schuljahr ein. Deshalb bekam ich keine Sonderregelung mehr für meinen Stundenplan. (...) Mir blieben noch an 2 Tagen Blockstunden am Morgen ....“ Trotzdem macht die Kollegin weiter, auch als die Schulleiterin ihr nahe legt, damit aufzuhören. Das Erstaunliche; alles geht ohne Konflikte, man versucht was und wiess, dass es auch anders gehen kann: Bewusstseinsseelenhaltung.

Die Kinder sind nach diesem Eingriff unglücklich: ihnen fehlt der tägliche Unterrichtseinstieg sehr: „Ich konnte gar nicht richtig rechnen, weil wir nicht gesungen und geflötet haben.“

Bei der Evaluation des Projektes stellen alle Beteiligten (auch die Kollegen; „das gute soziale Klima und die Arbeitsmoral wurde von allen Lehrern lobend erwähnt“) fest, dass es den Kindern sehr gut getan hat. Trotzdem ist das Fazit aller drei Kollegen: „Trotz meiner Begeisterung habe ich aber eine gewisse Skepsis der Elternschaft und das überwiegende Desinteresse im Kollegium nicht überwinden können.“

Ist man empfindlich für die grossen Dimensionen unserer Gesellschaft, die sich im ganz kleinen und subtilen artikulieren, hat man hier Texte von zum Teil erschütterndem Inhalt.

Der Band enthält mehr Spannendes. So vergleichbare Berichte von Waldorf-Experimenten an der Bonifatiusschule in Frankfurt. Da können auch gestandene Waldorflehrer noch lernen, z.B. wie man das Einander eine Hand geben, ernst nehmen kann, so dass es ein Wirkendes wird.

Spannende Berichte auch aus Waldorfklassen an Staatsschulen in Wels und Wien. Wie in Wien z.B. in grosser Schnelligkeit durch Eltern und Lehrer Waldorfklassen an der Volksschule in der Petrusgasse geforder wurden, wie schnell die Behörden hilfreich reagierten, trotz eines 'Bezirksschuldirektors', der öffentlich verkündete, dass nur über seine Leiche solche 'Projekte' zustande kommen würden. Kurz vor Eröffnung der Waldorfklassen, wobei der noch die Eröffnungszahl von 20 auf 24 anhob, starb er zwar nicht, aber wurde krank.

Dieses Buch ist schon wegen dieser Berichte der Mühe wert: man spürt hautnah den Kampf zwischen System und Menschen.

Dieses Buch ist aber auch ein Sammelband. Es finden sich noch Berichte aus Rumänien und der Schweiz darin, die aber diese Unmittelbarkeit, diese Konfrontation mit dieser Wirklichkeit nicht erreichen. Da sind andere Realitäten, die aus den Darstellungen mehr aus der Distanz erscheinen.

Man geht wohl nicht fehl, wenn man sich auf diese Berichte konzentriert und auf zwei ausgezeichnete Beiträge von Prof. Peter Schneider zur Übertragbarkeit der Waldorfpädagogik und zur Zukunftsfähigkeit dieser Pädagogik.

Das ganze Projekt wurde begleitet vom Mediaspezialisten Prof. Heinz Buddemeier. Von ihm findet sich in diesem Band ein grundlegender Artikel zur Medienerziehung in der Waldorfpädagogik.

 

Christof Wiechert

Leiter der Pädagogischen Sektion am Goetheanum

 

"Waldorfpädagogik und staatliche Schule"

Heinz Buddemeier/Peter Schneider

Mayer Verlag, Stuttgart - Berlin, 2005