Den Ätherleib kräftigen
Die Früherziehung zielt auf eine intellektuelle Schulung der Kinder. Die rationale Erziehung ist jedoch kein modernes Phänomen. Christof Wiechert gibt Anregungen zu einem differenzierten Blick auf die beim schulischen Lernen beteiligten Kräfte.
In den 1950er Jahren ging der Arzt Jan Hendrick van den Berg in seinem Buch ‹Metabletica› (Wissenschaft der Veränderungen) der Frage nach, wie man das Kind, den werdenden Menschen, vom Mittelalter bis in die Neuzeit betrachtete. Er stellte fest, daß vor dem 18. Jahrhundert das Kind nicht als Kind wahrgenommen wurde. Das Kind wurde als kleiner Erwachsener erlebt und erfuhr, wenn es eine Erziehung durchmachen konnte, eine sehr intellektuelle und rationale Bildung. Sie spiegelt sich in einer scharfen Kritik Joachim Heinrich Campes von 1786: «Es ist nicht schön, einen acht- oder zehnjährigen Knaben zu sehen, der ganze Bibliotheken gelesen hat, der über Pflanzen und Blumen aus Indien sprechen kann, der viele Sprachen spricht, [...] der rechnet wie ein Kaufmann, und die Klassiker kommentiert [...]»
Überschußkräfte
Lebewesen entwickeln sich, und diese Entwicklung braucht nicht notwendigerweise in allen Zeiten dieselbe gewesen zu sein. Mit der Idee der Entwicklung entsteht der Gedanke der Kindheit als einer Zeit mit eigenen Gesetzen, eigenen Rhythmen und eigener Dynamik. Das Rätsel ist nun, daß so viele Generationen von Kindern eine nichtkindliche Erziehung anscheinend haben vertragen können.
Gerade in unserer Zeit erleben wir weltweit (wieder) einen Zugriff auf die frühkindlichen Kräfte durch die Überzeugung, daß frühes Lernen ein Erfordernis unserer Zeit ist. Das steht im krassen Gegensatz zu der von Rudolf Steiner oft geäußerten Forderung, nicht vor dem «sechsten, siebten Lebensjahr» mit dem schulischen Lernen zu beginnen. Als Grund gibt Steiner an, daß der Lernvorgang erst stattfinden kann, wenn der Ätherleib von seinen Aufgaben des leiblichen Aufbaus ‹frei› wird. Dann kann sich der Ätherleib dem Lernen widmen, zum Lernleib werden.
Drei Gesichtspunkte können uns vielleicht zum Verständnis behilflich sein. Dabei ist zu beachten, daß man mit einem auf geisteswissenschaftliche Forschung basierendem Argument anders als mit sonstigen Argumenten umgehen muß. Denn wenn es plakativ verwendet wird, zerstört es den betrachteten Gegenstand; man kommt nicht weiter.
Rudolf Steiner weist auf unendlich viele Facetten der Bewußtseinsgeschichte im 15. Jahrhundert hin, beispielsweise auf die Phänomen der Frage, des Rätsels und der Angst. Sie sind als Steigerungen aufzufassen. Bei einer Frage, einer peinigenden Frage, kann man den Ätherleib als den physischen Leib überragend erleben. Darin konnte eine stark vergeistigende Kraft wirken. Der Ätherleib des modernen Menschen ist kleiner als der physische Leib, ist weniger mächtig. In ihm wirkt eine stark befestigende, verknöchernde Kraft.
Durchlebte Sprache
Im Menschen des Mittelalters erleben wir noch den Ätherleib als eine Kraft des Überschusses, was auf Kosten des Bewußtseins ging. Heute tritt an die Stelle der Überschußkräfte das Bewußtsein. Was noch bis vor wenigen Jahrhunderten an Kräfteverbrauch am Bildekräfteleib möglich war, ist heute nicht mehr so gegeben. In der Hinsicht ist Steiners Rat, nicht vor der Schulreife mit dem Lernprozeß zu beginnen, zukunftsweisend. Trotzdem findet auch heute Frühbeschulung statt, ohne daß der Betreffende sich dadurch geschädigt erlebt.
Unser ganzes Sinnesleben beruht auf der Wirksamkeit und dem Zusammenwirken von Äther- und Astralleib. Das ist auch vor der Schulreife der Fall. Der kleine Knirps sieht sich in der Welt um und empfängt die verschiedensten Eindrücke. Dafür braucht es einen Teil des Ätherleibes. Neben demjenigen Teil des Ätherleibes, der für das Wachstum verwendet wird, ist noch ein anderer Teil im Ätherleibe, der, so Steiner, frei auftritt, der von vornherein keine Verwendung hat, wenn wir dem Menschen in der Erziehung nicht allerlei beibringen, was dann dieser freie Teil des Ätherleibes verarbeitet.
Die täglichen Erfahrungen, die verschiedenen Eindrücke, die der Mensch immer empfängt, bedienen sich einer ätherischen Kraft, die, wie beim Astralleib, an die Vorgänge des Leibes, hier hauptsächlich der Sinne, gebunden sind. Mit diesen Vorgängen wird die Erinnerungsfähigkeit angeregt. Diese ätherische Tätigkeit kann für Lernvorgänge benutzt, sollte aber nicht mißbraucht werden.
Wenn ein verfrühtes Lernen unumgänglich ist, hat es spezielle Bedingungen zu erfüllen.
Man kann sich eine Vorstellung dieser Bedingungen machen. Wenn in einem dritten Schuljahr der Satz an der Tafel steht «Wir lieben unser schönes Land», dann haben wir einen Lernvorgang, der auch nach der Schulreife problematisch ist. Der Satz ist völlig abstrakt. Was ist ‹lieben›? Was ist ‹unser Land›? Was ist ‹schön›? Alles Unvorstellbarkeiten! Das Lernen sollte immer Leben in dem, was die Seele sehen und erleben kann, enthalten. «Der Jasminstrauch blüht weiß in unzähligen vierblättrigen Sternen, und duftet gen Abend süß und stark.» Man müßte eine Sprache entwickeln, die in Bildern, in Metaphern spricht, ohne die Wirklichkeit aus dem Auge zu verlieren.
Wenn wir Reales unterrichten, dürfen wir auch schon früh den Intellekt, die Verstandeskraft benutzen – wenn es nur ‹echt›, wirklich, vorstellbar ist. Das ist das Geheimnis der Sinne und der Seele. Es wäre eine Früherziehung, die den Ätherleib wieder Kraft gibt. Und das wird in den Kindergärten angestrebt: Erziehung an der Wirklichkeit des kindlichen Horizontes.
Christof Wiechert
(aus einer längeren Darstellung) erschienen in: Das Goetheanum Nr. 22/05
Literatur: Rudolf Steiner: Der Zusammenhang des Menschen mit der elementarischen Welt (GA 158), Vortrag vom 20. November 1914, und Geisteswissenschaftliche Menschenkunde (GA 107), Vortrag vom 2. November 1908.



