Künstlerisch-phantasievoller Unterricht
Das ‹bewegte Klassenzimmer› hält in deutschen und Schweizer Waldorfschulen Einzug
Die sogenannte ‹Schule 2000›, von der Bochumer Rudolf-Steiner-Schule in den 1990er Jahren entwickelt, findet in Deutschland und in der Schweiz großes Echo; neuerdings auch an den Steiner-Schulen der Basler Region. Es ist der Versuch einer Großstadtwaldorfschule, durch neue Unterrichtsformen dem Kind im postindustriellen Zeitalter gerecht zu werden.
Sieht man auf die Entwicklungen in der Waldorfschulbewegung der letzten 30 Jahre, hat sich die Palette erheblich erweitert: Praktika, integrativer Unterricht, multikulturelle Schule, Technologie-Unterricht. Es sind tatsächlich Erweiterungen des reichen Lehrplanangebots. Man kann sich nun fragen, wie sich das Kerngeschäft, das Unterrichten, entwickelt hat: Da sind die Entwicklungen eher reaktiv als initiativ.
Dazu gehört auch das Projekt des ‹bewegten Klassenzimmers›. Schon in den 1980er Jahren machten sich Pädagogen Sorgen um die Bewegungsarmut vieler Kinder. In den Städten sieht man heute kaum spielende Kinder. Wenige Schüler haben noch die Möglichkeit, zu Fuß zur Schule zu gehen oder sich am Morgen überhaupt zu bewegen. Man stellte fest, daß die sogenannten unteren Sinne oder Willenssinne (Gleichgewichts-, Bewegungs-, Lebens- und Tastsinn) nur zum Teil entwickelt sind. Fassen wir den Unterricht als ein Wecken des ‹Kopfgeistes› durch das Tun von unten herauf über die Begeisterungsfähigkeit zum Lernen auf, ist es klar, daß viele Kinder nicht mehr richtig ansprechbar sind. Sie kommen nur noch ‹mit dem Kopf› in die Schule. Folgen sind nervöse Belastungen; manche Kinder können einen Stundenplan mit wechselnden Fächern ab der ersten Klasse gar nicht mehr bewältigen.
Somit wurde deutlich, daß eher eine ‹Späteinschulung› statt eine Früheinschulung notwendig ist. Viele Kinder bedürfen eines ungestörten Zusammenlebens (nicht nur Zusammenlernens) mit einer Bezugsperson, dem Klassenlehrer. Das führte zu Umgestaltungen des Stundenplans, wobei der Klassenlehrer den ganzen Morgen bei seinen Schülern verweilt und der Wechsel von Fachlehrer zu Fachlehrer auf später verschoben wurde oder der Unterricht vom Fachlehrer vom Klassenlehrer begleitet wird.
Um die unteren Sinne zu fördern, wurden Stühle und Bänke aus dem Klassenzimmer entfernt. Die Schüler sitzen auf einem Kissen am Boden und schreiben auf einem Brett; daneben ist Raum frei für Reigen oder Spiele. Aus Skandinavien kam die Idee, die Stühle durch Sitzbälle zu ersetzen. Die Sitzbälle haben sich zwar nicht durchgesetzt, wohl aber kleine, niedrige Bänke, worauf man sitzen und an denen man aber auch schreiben und zeichnen kann.
Das ‹bewegliche Klassenzimmer› wird jedoch nicht nur durch äußere Maßnahmen beweglich, so wenig wie der Waldorflehrplan festschreibt, daß die Kinder in den unteren Klassen immer sitzen sollen.
Wir haben hier denselben Sachverhalt wie bei dem (zu Recht) vielkritisierten Frontalunterricht, wo der Lehrer vor der Klasse steht und doziert. Auch dazu gibt die Waldorfpädagogik keinen Anlaß; denn dieser Lehrplan richtet sich an Lehrer, die künsterisch-phantasievolle Unterrichtsformen kreieren, die zu einer Klassengemeinschaft und dem Stoff, der unterrichtet werden soll, passen.
Christof Wiechert



